Rede vom 28. März 2011
Atomstrom – eine todsichere Angelegenheit
Rede Michael Behringers bei der Anti-Atom Demo in Freilassing
  Bund Naturschutz in Bayern e.V. OG Freilassing u.Umg. Michael Behringer, Bahnhofstr. 13,
83404 Ainring, Bahnhofstr. 13, Tel. 08654 / 50804 E-Mail freilassing@bund-naturschutz.de


Atomstrom – eine todsichere Angelegenheit


Liebe Freunde, liebe Schülerinnen und Schüler, heute ist Euer Tag,

nicht politische Gruppen oder Umweltverbände haben diese Demonstration organisiert, sondern Ihr: Ihr habt Euch Gedanken gemacht um die Zukunft, Ihr habt als junge Leute professionell eingeladen und organisiert und wir, die Alten, sind gekommen, um mit Euch nicht nur den Opfern zu gedenken, sondern endgültig die Weichen für Eure Zukunft zu stellen.

Wir alle sind entsetzt und können unsere Gefühle kaum beschreiben über das, was passiert ist, obwohl wir es seit Jahrzehnten hätten wissen können, dass es passieren wird und wir seit Jahrzehnten davor gewarnt haben. Wir haben recht behalten und wünschten doch so sehr, dass, wir nicht Recht gehabt hätten.

Was macht Kernenergie so gefährlich?

Man riecht sie nicht, man hört sie nicht, man spürt sie nicht und sehen tun wir die Ergebnisse erst, wenn ein Atommeiler in die Luft geflogen ist. Und heute seit den Morgenstunden ist es amtlich von der japanischen Regierung bestätigt worden: Der Super-GAU ist da, die Kernschmelze in Fukushima ist in vollem Gange, wahrscheinlich schon seit 2 Wochen und dagegen ist jeder Mensch und jede Technik machtlos. Ein Atomreaktor hat nämlich keine Notbremse, keinen Notaus-Schalter. Auch wenn ein AKW vom Netz genommen wird, glühen die Brennstäbe noch jahrelang mit größter Hitzeentwicklung nach und strahlen weiter. Erst nach ca. 3 Jahren im Wasserbad können sie überhaupt in Castor-Behälter gepackt und transportiert werden.

Aber wohin? Es gibt kein Endlager.

Seit über 5 Jahren werden darüber hinaus unsere deutschen Brennstäbe nicht mehr wieder aufbereitet, was eine höchst riskante Technik ist, wie vorher in La Haag, Frankreich, so dass mit jedem Tag, an dem ein AKW seine Laufzeiten verlängert bekommt, die 21- fache Menge Atommüll anfällt, wie vor 2006. Daher ist jeder Monat einer früheren Abschaltung ein Gewinn für das Atommüllproblem, weil mit jedem weiteren Zeitraum zusätzliche Tonnen radioaktiven Mülls anfalllen. Allein aus diesem Grund muss der Ausstieg sofort geschehen.

Atommüll strahlt schier ewig lange nach. Bei Cäsium ist die Halbwertszeit 30 Jahre. Halbwertszeit ist in der Physik die Zeitspanne, in der sich die Radioaktivität eines Stoffes um die Hälfte verringert.Die andere Hälfte hat sich in ein anders Nukleid umgewandelt, das seinerseits entweder radioaktiv oder aber auch konstant ist. Plutonium hat eine Halbwertszeit von 24 110 Jahren. Das ist genau das doppelte an Jahren, seit gegen Ende der letzten Eiszeit die Gletscher zu schmelzen begonnen haben. Vor 12 000 Jahren ist Freilassing noch unter einer 400 Meter dicken Eisdecke begraben gewesen. Ich kenne keine Verpackung die so lange hält und keinen Wissenschaftler, der uns sagt, was in den nächsten 48 000 Jahren in unserer Region geologisch passieren wird. Bis dahin strahlen aber unsere Brennstäbe und wenn Strahlung frei wird, gibt es Krebs, Leukämie und akut Schilddrüsenerkrankungen – auch bei uns. Denn kein deutsches AKW ist ganz dicht. Das sagen nicht grüne Politiker oder Naturschutzverbände. Das haben die Beamten des Bundesamtes für Strahlenschutz veröffentlicht. Im Umkreis von 5 km eines KKW ist das Krebsrisiko bei Kindern um 60 %, das Leukämierisiko um 120 % erhöht.

Pro Betriebsjahr und pro Megawatt = Strahlung einer Hiroshima-Bombe

Ein AKW mit 1200 MW Leistung produziert radioaktive Strahlung von 1200 Hiroshima-Bomben. Apropos Bomben? Die AKW sind nicht gegen Flugzeugabstürze gesichert. Jedes einzelne Passagierflugzeug kann, wenn es auf ein AKW stürzt, eine Super GAU auslösen. Jederzeit - auch in Deutschland. Was geschieht bei Terrorattacken? Gerät spaltbares Material wie Plutonium 239 oder hoch angereichertes Uran 235 in falsche Hände, könnte mit einfachster Technik ein nuklearer Sprengkörper gebastelt werden oder eine schmutzige Bombe.

Deutschland ist Hochburg bei der Herstellung von Brennstäben,

die wir wieder ins Ausland verkaufen. Gutes Geschäft, aber gefährlicher Transport. In Frankreich werden die Brennstäbe und Castorbehälter ganz normal auf Lkw als Schwertransport befördert. Fragt mal nach, wie die Brennstäbe bei uns verladen sind? Nur die Castor Transporte ins Zwischenlager werden von starkem Polizeieinsatz überwacht.

Bereits der Uranabbau tötet

Nicht bei uns? Doch. Zwar sind die letzten großen Uranvorkommen in Nordamerika, Australien, Russland, Südafrika und Kongogebiet. Dort fallen für jede Tonne Uranerz bis zu 2000 Tonnen strahlender umweltbelastender Abraum an und machen die Bergwerksarbeiter, wie die Umgebung krank. Doch auch in Deutschland wurde massiv Uran abgebaut, in der Wismut , in der ehemaligen DDR. Aufgrund der Strahlenbelastung gab es dort vermehrt Krebs. Allein 7000 Fälle von Lungenkrebs sind dokumentiert. Schätzungen sprechen von 20000 Opfern.Das ist eine menschliche Tragödie vor unserer Haustüre, in unserem eigenen Land, aber auch ein finanzielles Desaster. Allein die Sanierung der Wismut-Urangruben hat den Deutschen Steuerzahler nach der Wiedervereinigung 6,5 Milliarden Euro gekostet. Atomtstrom ist also ein sehr teuerer Strom, weil die meisten Kosten, z.B. auch die Endlagerkosten, nicht von den Energiekonzernen getragen werden, sondern von uns allen.

Auch in Deutschland gibt es kein sicheres AKW

Deswegen kann auch keine Versicherung die Risiken eines AKW-Betriebes absichern.

Die alten Reaktoren basieren auf einer Bauweise, die heute schon nicht mehr genehmigt werden könnte. Ein AKW kann man aber auch nicht ausflicken, wenn das Material ermüdet, die Isolierung verstärken oder den Boden. Alle unsere älteren Reaktoren haben Schweißnähte unten am Reaktorbehälter, der Brennstäbe und radioaktives Kühlwasser um schließt. Dieser Bereich ist nicht zugänglich und auch nicht überprüfbar. Jeder weiß, dass ein Haus, das vor 40 Jahren gebaut wurde, saniert werden muss. Bei einem AKW geht das schlichtweg nicht. Daher bleibt nur die Abschaltung und Stillegung. Wir wissen nämlich nicht, ob und wann bei uns ein Kühlsystem ausfällt, weil die Flüsse zu wenig Wasser führen und das Notstromaggregsat nicht anspringt. Kann auch in Deutschland passieren, dass mal ein Motor nicht anspringt oder sind wir ein Wunderland? Hunderte Störfälle beweisen das Gegenteil.

Super Gaus in hochtechnisierten Ländern.

Bekannt sind Tschernobyl und jetzt Fukushima. Fast vergessen ist Harrisburg am28. März 1979, Shellafield in England und gar nicht bekannt ist Lusens in der Schweiz im Jahr 1969. Da ist es der Atomlobby gelungen, diese Kernschmelze einfach zu verschweigen. Nur bei intensiven Recherchen im Internet kann man es nachlesen. Jedenfalls alle 5 Gaus und superGaus haben sich nicht in Bananenrepubliken ereignet, sondern in hochtechnisierten Industrienationen, wo die Sicherheitsstandards groß und die Ingenieure auch nicht blöder sind, als bei uns.Die radioaktive Wolke entsteht bei jedem Gau, wenn die strahlenden Teilchen, wie jetzt in Japan, in die Atmosphäre entweichen. Es ist nur eine Frage des Wetterberichts, wohin sie treiben, übers Land,, übers Meer. Auch in Europa sind die japanischen Teilchen schon angekommen. Bis gestern wurden in Deutschland zwar die Grenzwerte noch nicht ganz erreicht. Doch ein Blick auf den aktuellen Strahlenatlas verheißt nichts gutes. Wegen der schwierigen topographischen Lage ist unser Landkreis, ähnlich wie nach Tschernobyl, wieder mitten unter den Spitzenreitern. Aber ich will keine Panik verbreiten, noch sind wir einigermaßen verschont geblieben, obwohl wir wegen der Vorbelastung wirklich nichts mehr dazu brauchen können. Wir haben auch Zugang zu privaten Messungen, weil wir uns nicht mehr beschwichtigen oder anlügen lassen. Wenn es akut wird, hören Sie von uns wieder.

Gebot der Stunde: Umdenken

Auch ohne Atomstrom gehen die Lichter nicht aus in Deutschland. In ein paar Wochen sind u.a.wegen Reparaturarbeiten 3 /4 aller AKW bei uns abgeschaltet. Wir reden zu Ostern weiter, ob es finster geworden ist. Wir brauchen auch nicht von den schlechten unsicheren AKW aus dem Ostblock einkaufen, weil wir es ja sind, die Strom im Überschuss produzieren und den Strom von nicht weniger als 6 AKW ( 6 von 17!) ins Ausland verkaufen. Das wird immer wieder verschwiegenen. Energiesparen kann jeder einzelne. Da liegt noch viel Potenzial drin und mit den erneuerbaren Energien sind wir so schnell vorangekommen, dass es den Konzernen unheimlich wurde und die noch amtierenden Politiker in Berlin die Einspeisevergütungen zurückfahren mussten, um die Konzerngewinne nicht zu gefährden. Außerdem haben unsere Politiker Regelungen geschaffen, dass größere PV Anlagen nur einspeisen dürfen, wenn Nachfrage vorhanden ist, damit man nicht zugeben muss, dass man auch jetzt schon das eine oder andere AKW abschalten könnte.

Technisch sind die erneuerbaren Energien ausgereift. Selbst als Brückentechnologie wird der Atomstrom nicht mehr gebraucht, wenn wir Gas geben bei den Erneuerbaren. Netzausbau zu den Windrädern kann in wenigen Monaten über die Bühne gehen, wenn man will. Dächer für PV Anlagen gibt es genug, um ganz Europa damit zu versorgen. Nur Politiker und Konzerne haben Angst,wenn man unabhängig von ihnen wird. Daher die Blockadehaltung beim Ausstieg und der jetzt wohl missglückte Versuch des Wiedereinstiegs über die Laufzeitverlängerungen. Nach unseren Berechnungen könnte man optimal schon in 2 bis 3 Jahren das letzte AKW abschalten, nach übereinstimmenden Berechnungen der Fachleute in 5 Jahren und wenn man nur die Ausstiegsszenarien der früheren Bundesregierung wieder aufleben lässt, ist in gut 8 Jahren das letzte AKW vom Netz.

Aktiv vor Ort

Wir wollen heute aber aufzeigen, dass unsere Jugend selbst ihr Leben gestalten und die Zukunft in die Hand nehmen will. Wie sehen heute , dass unsere Schüler nicht auf Geschenke und Programme von oben warten, nicht auf das, was wir Grauschimmel hier, in München oder in Berlin weismachen wollen.

Diese friedliche Kundgebung ist die Bitte an alle Entscheidungsträger, den Weg in eine glückliche Welt nicht zu verbauen, nicht durch Habgier und Gewinnsucht für einige wenige Spekulanten alles zu blockieren, was Sinn macht und der eindringliche Appell, endlich mit Eingriffen und Angriffen auf das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit aufzuhören. Es reicht und wir all bitten um Gehör und wollen künftig bei Existenzfragen mitreden, wie es sich in einer Demokratie eigentlich gehört. Eine neue Kultur des Umgangs miteinander, weg vom bloßen Machtdenken , eine neue wirtschaftliche Kultur weg vom Abhängigkeiten – Schaffen zur Gewinnmaximierung ist ebenso wichtig, wie Offenheit und Ehrlichkeit. Der Größenwahn hat schon mehr Opfer gefordert, als Naturkatastrophen.

Zum Gedenken an die Opfer der letzten Wochen und mit der Bitte und dem Gebet, dass endlich jetzt vielen ein Licht aufgehen möge, zünden wir jetzt unsere Kerzen an.


 
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