Pressemitteilung vom 27. Juli 2015
Öko-Laster? Ökoliner?? Neusprech, Manipulation & Greenwash
Wie mit Grünwaschen und Neusprech unser Denken manipuliert wird
 

Liebe Leser, hier veröffentliche ich eine Mail von Sebastion Schönauer, 2. BN Vorsitzende in Bayern.

Der Text erinnert stark an das Buch von Viktor Klemperer, jüd. Hoschullehrer aus Dresden und Überlebender, "LTI", Lingua tertii imperiae, die Sprache des Dritten Reiches, sehr lesenswert und aufschlussreich, ".. und das Erbe geht heute weiter" s.u.

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Öko-Laster? Ökoliner?? Neusprech, Manipulation & Greenwash

mit besten Grüßen und Dank an Axel Mayer

Sebastian Schönauer
Stellv. Landesvorsitzender

Sehr geehrte Damen und Herren in den Medien,

seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit Neusprech, Greenwash und Sprache. Wenn aus dem Begriff "Gift" der "Wirkstoff" wird, aus der "Beseitigung von Giftmüll" die "Entsorgung“ und aus dem "Atommülllager" der "Entsorgungspark", dann ist Neusprech durchaus auch ein Thema für die Umweltbewegung. Jetzt gibt es auf unserer Internetseite zu diesem Themenbereich einen „aktuellen Einschub“ zu den neuen, wunderbar grün klingenden Begriffen „Öko-Laster und Ökoliner“.

Mit freundlichen Grüßen Axel Mayer

Die in Berlin immer mitregierende Automobillobby will die neuen, schweren und langen LKW auf die Straße bringen und der Cheflobbyist, Autobahn-Privatisierer und Verkehrsminister Dobrindt setzt dies durch. Nun dürfen 25,25 Meter lange und (noch) bis zu 40 Tonnen Gesamtgewicht schwere Lastwagen "probehalber" auf vielen Strecken auch im Südwesten der Republik fahren. Doch der "Probebetrieb" ist nur die Durchsetzung des fest geplanten "Normalbetriebes" und dann sollen die nach dem Prinzip der Salamitaktik eingeführten schweren Lang-LKW auch bis zu 60 Tonnen schwer sein. Gigaliner sind eine verkehrspolitische Dummheit, umweltpolitisch schädlich und ein klassischer Kniefall vor der mächtigen PKW/LKW-Lobby. Unsere Verkehrsinfrastruktur ist weder für schwere LKW noch für eine LKW-Länge von 25,25 Metern ausgelegt. Bereits ein 40-Tonnen-LKW belastet den maroden Straßenbelag so stark wie 60.000 PKW!
Um den Widerstand gegen die schweren Lang-LKW zu brechen und ein umweltfreundliches Image zu erzeugen, versuchen Spediteure, Logistiker, LKW-Lobbyisten und manche Politiker den wunderbar grün klingenden Begriff "Öko-Laster / Ökoliner" einzuführen.

Es gibt zwischenzeitlich kein umweltschädliches Produkt oder Projekt, das nicht mit Greenwash auf den Markt gebracht wird. Im Vergleich mit Bahn und Binnenschiff produziert der LKW-Verkehr deutlich mehr schädliches Kohlendioxid (CO2), Feinstaub, Lärm und Naturzerstörung. Die Einführung sogenannter "Öko-Laster / Ökoliner" wird diese Probleme noch verschärfen. Das Argument, mit diesen Fahrzeugen lasse sich die gleiche Tonnage mit weniger Fahrten befördern, so dass die Straßen entlastet würden, ist schlicht Unsinn: Vielmehr werden noch mehr Güter von der Schiene auf die Straße verlagert und Straßen und Brücken werden auf Kosten der Steuerzahler noch schneller zerstört.

Ein persönlicher Meinungsbeitrag von Axel Mayer, BUND- Geschäftsführer (Freiburg), Kreisrat (Emmendingen), Vizepräsident TRAS (Basel)

Mehr Infos & Studien zum Überschweren Lang-LKW

Neusprech & Propaganda: Sprache - Manipulation - Greenwash

http://www.mitwelt.org/neusprech.html

Im Jahr 1949 erschien der berühmte Roman “1984” des englischen Autors George Orwell. Er beschreibt darin eine düster-realistische Zukunftsvision, eine moderne Diktatur, einen Überwachungsstaat als Gedankenregime, in dem der allwissende, allsehende „Große Bruder“ die Macht hat. Eine wichtige Form der Herrschaft in dieser Gedankendiktatur ist die Beherrschung und Manipulation der Sprache.

  • "Krieg ist Frieden
  • Freiheit ist Sklaverei
  • Unwissenheit ist Stärke“

    George Orwell

Die Manipulation von Sprache als Mittel der Machtausübung und Unterdrückung ist vermutlich so alt wie die Sprache selbst. Gerade auch in der Zeit des Faschismus wurde Neusprech politische und propagandistische Realität. Hitler hat nicht immer von Krieg gesprochen, wie uns das eine vereinfachende Geschichtsdeutung weismachen will. Er hat in den ersten Jahren der Machtausübung immer wieder von Frieden gesprochen, aber Krieg gemeint. Das Gift des Bösen war durchaus auch in Zucker getaucht. Wenn es der Geschichtsunterricht an den Schulen nicht wagt, diesen geschickt gestreuten “Zucker” zu beschreiben, dann können die Mechanismen der Propaganda nicht verstanden werden.

  • Vernichtungslager = Konzentrationslager
  • Massenmord - Endlösung

Auch heute wird Sprache zur Desinformation missbraucht. Dies gilt insbesondere für die Sprache des Militärs, gerade auch in Kriegszeiten. Das vom Nürnberger Waffenproduzenten Werner Diehl, in Kooperation mit dem Düsseldorfer Rüstungskonzern Rheinmetall, gegründete Gemeinschaftsunternehmen “Gesellschaft für intelligente Wirksysteme” stellt laut TAZ vom 2.3.09 u. a. "intelligente" Streubomben her, die nicht Streubomben genannt werden dürfen. Das orwellsche „Krieg ist Frieden“ galt auch für die deutsche Bundesregierung im lange Zeit unerklärten Krieg in Afghanistan. Ein asymmetrischer Krieg, der in der öffentlichen Darstellung aber nicht so genannt werden sollte. Erschreckend erfolgreich waren die Vorkriegs- und die Kriegslügen der Bush-Regierung. Dass Diktatoren lügen wissen wir. Unsere Aufgabe als Demokraten ist es, den Lügen in der Demokratie entgegenzutreten.

  • Tötung von Zivilisten – Kollateralschäden
  • Nicht tödliche Waffen - Nicht tödliche Wirkmittel
  • Waffen & Streubomben - Intelligente Wirksysteme
  • Militärischer Auftrag mit der Option zu töten - Robustes Mandat
  • Angriff – Vorwärtsverteidigung
  • Folter - Umstrittene Verhörmethode
  • Vertreibungspolitik - Siedlungspolitik
  • "er wurde gefoltert" - "er wurde behandelt"

Neusprech muss nicht immer nur die Ersetzung oder Neuschaffung von Begriffen sein. Manche alten, wohlklingenden Begriffe werden einfach umgedeutet. 1969 wollte Willy Brandt gegen den politischen Muff und Filz der Nachkriegszeit „mehr Demokratie wagen“. Gemeint waren damit der Wunsch und der Wille „mehr Reformen zu wagen“. Über Jahrzehnte hat eine gezielte Umdeutung dieses positiv besetzten Begriffs stattgefunden. Heute steht das Wort „Reform“ für Sozialabbau und den neoliberalen Umbau der Gesellschaft. Niemand hat sich gegen diesen Missbrauch des Begriffs gewehrt. Auch über die Begriffe "Arbeitnehmer und Arbeitgeber" lohnt es sich nachzudenken. Wer gibt und wer nimmt?

  • Entlassung, Kündigung – Freisetzung
  • Sozialabbau – Reformen
  • Debatte um Gerechtigkeit - Neiddebatte


Wenn es um die Durchsetzung von Industrieinteressen gegen Mensch, Natur und Umwelt geht, dann setzen Atom-, Gen- und Chemielobbyisten schon lange auf Greenwash. Neusprech ist bei den großen PR-Firmen zwischenzeitlich Tagesgeschäft, gerade auch wenn nach großen Industrieunfällen (Bhopal, Seveso, Toulouse...) Krisenkommunikation als gezielte Desinformation betrieben wird. Mit dem gezielt eingeführten Kampfbegriff „Ökologismus“ versuchen Industrielobbyisten und neoliberale Netzwerke positiv besetzte Begriffe wie Umweltschutz, Nachhaltigkeit und Ökologie zu ersetzen, Zukunftsfähigkeit zu diskreditieren und die Umweltbewegung in die politische Nähe von Sekten zu stellen.

  • Umweltschutz, Nachhaltigkeit, Ökologie - Ökologismus
  • Gezielte Verkürzung der Produktlebensdauer / Geplante Obsoleszenz - Sinnvolle Gebrauchsdauer
  • Pestizid – Pflanzenschutzmittel
  • Öko-Laster / Ökoliner - Schwerer Lang-LKW
  • Gift – Wirkstoff
  • Abwrackprämie - Umweltprämie
  • Beseitigung von Giftmüll – Entsorgung
  • Kohlendioxid (CO2) Abgas-Pipeline - Klimaschutzpipeline
  • Müllverbrennung – Thermische Abfallbehandlung


Selbst bei "unpolitischen" Naturschutzthemen gibt es Neusprech: "Durch eine umfassende Untersuchung konnte nachgewiesen werden, dass die seit 1912 in Baden-Württemberg "ausgestorbenen" Wildkatzen wieder in den Wäldern des Landes umherstreifen". (Zitatende) "Ausgestorben" ist ein seltsam beschönigendes Wort. Es klingt nach "still von uns gegangen". Bekämpft, verfolgt, ausgerottet, ausgemerzt..., diese Begriffe beschreiben den Umstand des "Aussterbens" ein wenig treffender.

  • Verfolgt, Ausgerottet, Ausgemerzt - Ausgestorben
  • Abschuss von Kormoranen - Letale Vergrämung von Kormoranen

Eine Blüte der Desinformation und des Greenwash erleben wir im Zusammenhang mit Klimawandel und Atomenergie. „Es gibt keine menschengemachte Klimaveränderung“ war eine der vielen Werbeaussagen der PR-Firma Burson-Marsteller im Auftrag der Öl- und Kohlekonzerne in den USA. „Wegen der drohenden Klimaveränderung brauchen wir unbedingt mehr Atomkraftwerke“ ist nun die gegensätzliche, neue Werbebotschaft von Burson-Marsteller, denn die industriellen Meinungsmacher arbeiten jetzt auch für die Atomkonzerne. Der Begriff "Atomkraftwerk" wird von vielen Menschen immer noch mit der Atombombe assoziiert. Darum wurde schon vor Jahrzehnten der harmloser klingende Begriff der Kernenergie eingeführt. Eine Offenbarung in Sachen Neusprech ist die Notfallschutzbroschüre des Regierungspräsidiums Freiburg für das AKW Fessenheim. Aus dem Katastrophenschutz wurde der Notfallschutz, aus dem Atomunfall das Ereignis und Radioaktivität tritt bei diesem Ereignis nicht etwa unkontrolliert aus, sondern Radioaktivität wird freigesetzt. Auch auf vielen Wikipedia-Seiten heißt der AKW-Schornstein zur Abgabe von krebserzeugender Radioaktivität immer noch Abluftkamin. Ein Teil der lebensbedrohenden Radioaktivität die aus dem AKW Fukushima entweicht, stammt aus einem "Abklingbecken"...

  • AKW – KKW
  • Atomkraftwerk – Kernkraftwerk
  • Plutonium-AKW – Schneller Brüter
  • Zwischenlager für "abgebrannte Brennelemente" - Abklingbecken
  • Atommülllager – Entsorgungspark
  • Atomunfall – Ereignis
  • Atomkatastrophe – Bedeutsames Ereignis
  • Katastrophenschutz – Notfallschutz
  • Katastrophenschutzbroschüre - Notfallschutzbroschüre
  • Austritt von Radioaktivität – Freisetzung von Radioaktivität
  • Entgiftung – Dekontamination
  • AKW-Schornstein – Abluftkamin

George Orwell war ein realistischer Visionär. Er hat Neusprech, die Gedankendiktatur und den Überwachungsstaat beschrieben. Viele Diktaturen des letzten Jahrhunderts in Ost und West waren schrecklich, aber glücklicherweise technisch noch unvollkommen. Heute, in der Demokratie, sind wir da technisch „weiter“. Das zentrale Problem der Menschen sind nicht die unter entsetzlichen Opfern überwundenen Katastrophen und Diktaturen. Das Problem ist unsere offensichtliche Unfähigkeit daraus zu lernen. Gegen Neusprech, Propaganda und Greenwash lässt sich in der real existierenden Demokratie leichter angehen als in einer Diktatur. Wann, wenn nicht jetzt, sollten wir beginnen, uns gegen die Manipulation der Sprache und des Denkens zu wehren?

Ein persönlicher Beitrag von Axel Mayer
(Der Autor ist BUND-Geschäftsführer in Freiburg, Kreisrat und Vizepräsident im Trinationalen Atomschutzverband)


Greenwash-Neusprech-Manipulation

 
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